650 Jahre Stralsunder Frieden

Der Stralsunder Frieden von 1370

Geschichtlicher Hintergrund

Mai 1370. In Stralsund versammeln sich Vertreter der Hansestädte und des dänischen Reichsrates. Hier wollen sie den sogenannten Zweiten Waldemarkrieg endgültig beenden. Wenigstens ist seit dem Herbst schon Ruhe eingekehrt. Niemand kämpft mehr, denn es herrscht Waffenstillstand. Die bereits im November 1369 ausgehandelten Verträge werden nun noch etwas modifiziert, und am 24. Mai 1370 unterzeichnen die dänischen Reichsräte mehrere Urkunden, ebenso die Hansestädte. Zwei von ihnen, die im Original im Stadtarchiv Stralsund aufbewahrt werden, gelten als die eigentlichen Friedensverträge.

Dieses nach dem Verhandlungsort Stralsunder Frieden bezeichnete Ereignis gilt heute allgemein als der Höhepunkt in der Entwicklung des mittelalterlichen Kaufmanns- und Städtebundes der Hanse. Das war aber nicht immer so. Die Zeitgenossen schenkten ihm keine größere Beachtung.

Gehen wir von 1370 aus noch einmal 30 Jahre zurück, nach Dänemark. Nach einer Phase innerer Wirren und Thronkämpfe hatte im Jahr 1340 Prinz Waldemar, jüngster Sohn König Christophs II. von Dänemark und Euphemias von Pommern, den Thron bestiegen. In langen Kämpfen gelang es ihm, das Reich wieder unter seine Herrschaft zu bringen. Zuletzt eroberte er 1360, auch mit Hilfe der Hanse, das von Schweden besetzte Schonen und erlangte damit wieder die Kontrolle über den Öresund und damit die Ausfahrt aus der Ostsee. Bis dahin war die Hanse mit der Politik Waldemars IV., den Zeitgenossen auch Atterdag nannten, einverstanden. Diese Politik versprach geordnete Verhältnisse in dem für die Hansekaufleute so wichtigen Dänemark. Aber schon ein Jahr später brachte sich der dänische König mit seinem Angriff auf Gotland, das er samt seiner wichtigsten Stadt Visby noch 1361 eroberte, in scharfen Gegensatz zur Hanse. Die Hansestädte reagierten sofort. Nur vier Tage nach der Einnahme Visbys erklärten die in Greifswald versammelten Hansestädte Waldemar den Krieg.

Dieser erste Krieg gegen Waldemar endete allerdings mit einer empfindlichen Niederlage des Städtebundes. Der 1365 geschlossene Frieden von Vordingborg beendete diesen ersten Waffengang eindeutig zugunsten Dänemarks.

Die Hansestädte wurden mit der weiteren Entwicklung jedoch immer unzufriedener. Es sind vor allem die wendischen Städten, also Lübeck, Wismar, Rostock, Stralsund und Greifswald, die die erneute Auseinandersetzung mit Waldemar suchten. Doch dafür brauchten sie weitere Helfer und Verbündete. Am 19. November 1367 schlossen sich hansische und nichthansische Städte von den Niederlanden über das Rheinland bis zur preußischen Ostseeküste zur sogenannten Kölner Konföderation zusammen. Mit ihr verbündeten sich später der König von Schweden, einige norddeutsche Fürsten und auch eine adlige Opposition aus Dänemark. Ziel des Bündnisses war der Kampf gegen und der Sieg über Waldemar IV.

Der Angriff der hansischen Flotte begann im April 1368. Am 2. Mai 1368 wurde Kopenhagen eingenommen und zerstört. Sämtliche Festungen Dänemarks bis auf das stark befestigte Helsingborg fielen rasch nacheinander in die Hände der Konföderierten. Nach der Eroberung Helsingborgs im Spätsommer 1369 kam es im November zum eingangs erwähnten Waffenstillstand zwischen der Hanse und dem dänischen Reichsrat.

Die fürstlichen und adligen Verbündeten hätten den Krieg gern noch bis zur völligen Unterwerfung Waldemars weitergeführt. Aber die Hansestädte hatten ihre Ziele mit den Waffenstillstandsverhandlungen vom November 1369 und den darauf aufbauenden Friedensverhandlungen vom Mai 1370 erreicht. Sie wollten den früheren Zustand wieder herstellen, also die Bestätigung und Absicherung ihrer bereits von Waldemars Vorgängern verliehenen Handels- und sonstigen Privilegien. Weitergehende Ziele verfolgten sie nicht, denn die führenden Köpfe der Hanse waren in erster Linie ökonomisch denkende Kaufleute, keine Machtpolitiker wie Könige und Fürsten. Ein Krieg kostete Geld und sollte deshalb auf das Notwendigste beschränkt werden.
Diese pragmatische Politik, die sich hier äußerte, war es wohl auch vor allem, die dafür sorgte, dass die heute als so bedeutungsvoll angesehenen Ereignisse der Jahre zwischen 1361 und 1370 den Zeitgenossen gar nicht so außergewöhnlich bedeutsam erschienen. Wie sonst ist es zu erklären, dass die mittelalterlich-frühneuzeitliche Chronistik fast vollständig darüber schweigt. Keine Stralsundische und keine pommersche Chronik des 15. und 16. Jahrhunderts berichtet über die Kämpfe und über die Friedensverhandlungen.

Lediglich die lübische Chronik des Franziskanermönchs Detmar aus den Jahren ab 1385, die in einer Rückschau auch die Jahre von 1350 bis 1385 behandelt, enthält einen kurzen Abschnitt über die Auseinandersetzungen der Hanse mit König Waldemar IV. von Dänemark. Den Stralsunder Frieden von 1370 erwähnt aber auch sie mit keinem Wort.

Hätten wir also heute nicht noch die Originaldokumente jener Zeit, wir wüssten nicht, dass es zwischen 1361 und 1370 zwei Kriege zwischen der Hanse und Dänemark gegeben hätte, die mit einem aus heutiger Sicht historisch zu nennenden Sieg der Hanse endeten. Historiker sprechen in diesem Zusammenhang von Überlieferungschance und Überlieferungszufall. Historiker können sich nur mit dem beschäftigen, was überliefert ist, alles andere ist Spekulation. Dass wir den Stralsunder Frieden heute als ein so bedeutendes Ereignis der mittelalterlichen Geschichte ansehen, ist daher vornehmlich eine Leistung der Geschichtsschreibung und -forschung des 19. Jahrhunderts auf der Grundlage der überlieferten Originaldokumente.

Die historische Bedeutung des Friedens besteht darin, dass er einen kriegerischen Konflikt zwischen einem sehr lockeren Städtebund wie der Hanse und einem spätmittelalterlichen Königreich zugunsten des ersteren beendete. Schon allein die Tatsache, dass ein König mit Kaufleuten, denn nichts anders waren die Ratsherren und Abgesandten der Hansestädte, mit Verhandlungspartnern, die nicht mal Adlige, geschweige denn ebenbürtige Fürsten waren, Frieden schloss, war für die damalige Zeit unerhört und ein deutliches Zeichen für die damaligen Machtkonstellationen im Ostseeraum. Die mittelalterliche Geschichte im Norden Europas ist ohne die Hanse nicht darstellbar, und der Stralsunder Frieden von 1370 hat in ihr inzwischen seinen festen Platz.

Dr. Dirk Schleinert, Direktor des Stadtarchivs der Hansestadt Stralsund

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