Stralsund erinnert – 80 Jahre Reichspogromnacht

Veranstaltungsprogramm im Oktober und November 2018

Am 9. November 2018 jährt sich die Reichspogromnacht zum 80. Mal. Auch in Stralsund brannte in dieser verhängnisvollen Nacht die Synagoge, in der Folge wurden jüdische Familien verfolgt, enteignet, deportiert und ermordet. Die Erinnerung an diese Schreckenszeit wachzuhalten, ist Anliegen der Hansestadt Stralsund und der hier engagierten Vereine, Initiativen und Institutionen. Auf verschiedene Weise, in Vorträgen, Lesungen, Konzerten und Filmen, nähern sie sich diesem dunklen Kapitel unserer Geschichte.

Die Veranstaltungen im Überblick

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Autorenlesung mit Götz Aly: „Europa gegen die Juden 1880 – 1945“

Dienstag, 16. Oktober 2018, 19 Uhr | Rathaus, Löwenscher Saal

Veranstalter: Förderverein Historische Warenhäuser Wertheim und Tietz in Stralsund e.V. und S. Fischer Verlag

Der Holocaust ist nicht allein aus der deutschen Geschichte heraus erklärbar. Sowohl in West- als auch in Osteuropa hatte die Judenfeindschaft seit 1880 sprunghaft zugenommen – angetrieben von Nationalismus und sozialen Krisen. Ohne die Schuld der deutschen Täter zu mindern, zeigt der Historiker Götz Aly, wie Rivalität und Neid,  Diskriminierung und Pogrome vielerorts dazu beigetragen haben, den Boden für Deportationen und Morde zu bereiten. Erstmals wird so der moderne Antisemitismus als grenzüberschreitendes Phänomen dargestellt. Ein wichtiges Kapitel europäischer Geschichte, das ein neues, umfassendes Verständnis des Holocaust ermöglicht.

Eintritt frei

Autorenlesung mit Eberhard Schiel: „Die verlorene Heimat – Zwei jüdische Schicksale“

Dienstag, 23. Oktober 2018, 19 Uhr | Rathaus, Kollegiensaal

Veranstalter: Druck- und Verlagshaus Kruse Stralsund und Hansestadt Stralsund

Aus der ersten Erzählung „Meine Gespräche mit Baron Löwenstein de Witt. Auch er trug den gelben Stern“: Im beschaulichen Stralsund erlebt Hans-Oskar Baron Löwenstein de Witt als Sohn eines reichen Börsenmaklers eine besonnte Kindheit, bis nach 1933 die ersten Gesetze gegen die Juden das gewohnte großbürgerliche Leben einschränken. Die Familie zieht daher 1936 nach Berlin, wo die Olympiade vorübergehend für paradiesische Verhältnisse sorgt. Am Ende der Nazi-Herrschaft ist die verarmte Familie froh, mit dem nackten Leben davon gekommen zu sein. In vielen Gesprächen erzählte Baron Löwenstein de Witt dem Autor Eberhard Schiel seine Geschichte, eine Geschichte zwischen Hakenkreuz und Judenstern.
In der zweiten Erzählung „Amerika, wir kommen!“ geht es um die Flucht einer fiktiven jüdischen Familie Stralsunds nach den Ereignissen im November 1938. Die Familie Silbermann wandert nach Buenos Aires aus. Im Gepäck nehmen sie die Verhaftung und Misshandlung des Gustav Silbermann im KZ Sachsenhausen mit. Dieser seelische Ballast wird die Familie nie wieder froh werden lassen, wohin sie sich auch wenden.

Eintritt frei

Buchvorstellung mit Uta Reichel: „Der vergessene Holocaust“ von Zoni Weisz & „Ob die Möwen manchmal an mich denken? Die Vertreibung jüdischer Badegäste an der Ostsee“ von Kristine von Soden

Freitag, 26. Oktober 2018, 19:30 Uhr | Stadtbibliothek, Badenstraße 13

Veranstalter: +Buch Buchhandlung Stralsund

Im Nationalsozialismus wurden eine halbe Million Sinti und Roma von den Deutschen umgebracht. Zoni Weisz erzählt von seiner Kindheit als Sinto, von dem Verlust seiner Familie und von seinem Leben als erfolgreicher und bekannter Florist. Als Zoni Weisz sieben Jahre alt war, wurde seine Familie deportiert und in  Konzentrationslagern ermordet. Er selbst konnte durch die Hilfe eines niederländischen Polizisten bei Beginn der Deportation auf einen anderen Zug springen. Später erhielt er einen Ausbildungsplatz als Florist – Beginn einer erstaunlichen Karriere.

Mit dem Aufstieg der Seebäder im Wilhelminischen Kaiserreich kam sogleich auch der »Bäder-Antisemitismus« auf. »Judenrein!« lautete die Parole an der deutschen Ostseeküste, lange bevor der NS-Staat Wirklichkeit war. Schon im Wilhelminischen Kaiserreich drucken jüdische Zeitungen »Bäderlisten« ab, warnen vor Badeorten, in denen jüdische Gäste unerwünscht sind. Als »Judenbäder« wiederum gelten Orte wie Heringsdorf, wo zunächst noch eine liberale Atmosphäre herrscht. Anhand einer Fülle historischer Quellen, Tagebucheinträgen, Reiseberichten und Briefauszügen jüdischer Badeprominenz sowie Schilderungen des sommerlichen Bäderalltags zeichnet Kristine von Soden ein facettenreiches Bild jener Zeit bis 1937, als nahezu alle Orte und Strände für jüdische Badegäste verboten waren.

Eintritt frei

Konzert und Vortrag: „Ein Rekonstruktionsfall kommt nicht allein“

Montag, 5. November 2018, 19 Uhr | Rathaus, Löwenscher Saal

Veranstalter: Hansestadt Stralsund

Friederike Fechner, Violoncello, und Mathias Husmann, Klavier, spielen Werke von Ludwig van Beethoven, Ernest Bloch, Max Bruch, Maurice Ravel und
Felix Mendelssohn Bartholdy.

Friederike Fechner berichtet über die unerwartete Begegnung mit der Vergangenheit eines Stralsunder Hauses.

Eintritt frei

Vortrag: „TANZ CHOREOGRAFIE REGIE Margarethe Wallmann – die erste Opernregisseurin, mit Stralsunder Wurzeln“

Dienstag, 6. November 2018, 19 Uhr | Stadtbibliothek, Badenstraße 13

präsentiert von Dr. Ulrike Messer-Krol
Fotocollagen von Erwin Messer
Veranstalter: Hansestadt Stralsund


Dr. Ulrike Messer-Krol, österreichische Kulturjournalistin mit über 30 Jahren Fernseherfahrung, und ihr Mann haben über ein Jahr gearbeitet, um Daten und Abläufe – auch bisher nicht bekannte – im Leben von Margarethe Wallmann zu erforschen. In ihrem Vortrag schildern sie das private Schicksal und das erfolgreiche Wirken dieser im internationalen Kulturbetrieb des 20. Jahrhunderts herausragenden Künstlerin mit ihrer engen Beziehung zu Vorpommern: ihr Vater Paul ist in Stralsund geboren; der Großvater Louis gründete in der Hansestadt gemeinsam mit den Gebrüdern Blach einen Lederhandel.
Margarethe Wallmann war die erste Frau, die auf allen großen Opernbühnen ihrer Zeit als Regisseurin gearbeitet hat, unter anderem auch bei vielen Ur- und  Erstaufführungen, mit großen Stars und gefeierten Dirigenten. Den Holocaust überlebte Margarethe in Argentinien, während ihre Eltern beide umkamen.

Eintritt frei

Ausstellung: "Die jüdischen Kaufmannsfamilien in Stralsund"

8. November bis 13. Dezember | Kulturkirche St. Jacobi

Veranstalter: Förderverein Historische Warenhäuser Wertheim und Tietz in Stralsund e.V.

Gezeigt werden Orte jüdischer Geschichte sowie Biographien prägender Kaufmannsfamilien wie Wertheim, Tietz, Blach und Cohn.

In der Ossenreyerstraße, nur wenige Meter vom Ausstellungsort entfernt, stehen noch heute zwei der deutschlandweit wenigen erhalten gebliebenen Warenhäuser: Das 1903 errichtete Alt-Wertheim mit seiner großartigen, restaurierten Fassade und seinem imposantem Lichthof sowie ein Gebäude der Familie Tietz, das 1928 im Stile der neuen Sachlichkeit eröffnet wurde.
Damit gilt Stralsund als Wiege der deutschen Warenhauskultur. Dargestellt wird aber auch, wie und wo an die Zerstörung jüdischen Lebens in Stralsund und die Schicksale der jüdischen Kaufmannsfamilien heute erinnert wird.
Die Ausstellung wurde durch eine Förderung der Stiftung für Ehrenamt und bürgerschaftliches Engagement in Güstrow sowie durch Spenden der beiden IT-Unternehmen adesso AG und affinis GmbH, die Niederlassungen in Stralsund betreiben, ermöglicht.

Eintritt frei

Gedenkstunde

Freitag, 9. November 2018, 11 Uhr | Stele, Johanniskloster

Veranstalter: Hansestadt Stralsund

Gemeinsames Gedenken an die Opfer der Reichspogromnacht vor 80 Jahren.

Andacht

Freitag, 9. November 2018, 15 Uhr | Jüdischer Friedhof, Greifswalder Chaussee

Veranstalter: Kirchengemeinden der Hansestadt Stralsund

Auf dem jüdischen Friedhof gedenken wir der lebendigen jüdischen Geschichte unserer Stadt und ihrer Vernichtung mit Psalmen und Gebet.

Weg der Erinnerung

Freitag, 9. November 2018, 17 Uhr | Treffpunkt an der Katholischen Kirche „Heilige Dreifaltigkeit“, Frankenstraße 39

Veranstalter: Pommerscher Evangelischer Kirchenkreis

Ein gemeinsamer Rundgang führt von der Katholischen Kirche „Heilige Dreifaltigkeit“ in der Frankenstraße entlang der Stolpersteine durch die Altstadt zur Stele im Johanniskloster.

Konzert: „Lony's Briefe“ – Deutsche Erstaufführung

Freitag, 9. November 2018, 20 Uhr | Klinikumskirche, Rostocker Chaussee 70

Es spielen: das Vogler-Quartett, Christiane Oelze - Mezzosopran, Jonathan Weire - Klavier
Veranstalter: Förderverein Klinikumskirche zu Stralsund e.V.

Lony Rabl führt ein Café in Berlin, bis sie 1938 vor den Nazis nach Amsterdam fliehen muss. Ihrer Tochter und deren Mann gelingt die Flucht nach England. Lony nicht. Als Lony‘s Enkelkind 1939 geboren wird, schreibt sie zwei Jahre lang 22 liebevolle und sehnsuchtsvolle Briefe an den kleinen Peter, den sie nie kennen lernen darf.
1941 wird Lony deportiert. Peter findet die Briefe nach dem Tod seiner Mutter in deren Schreibtisch. Da erfährt er die Liebe seiner Großmutter und ist voller Rührung und Trauer. Er lässt die Briefe für Gesang, Streichquartett und Klavier vertonen. Im Juni 2017 wurden „Lony’s Briefe“ in London uraufgeführt. (Textsprache
deutsch)

Eintritt: 25 Euro

Autorenlesung mit Eberhard Schiel: „Braune Schatten überm Sund – Jüdisches Leben in Stralsund“

Sonnabend, 10. November 2018, 16 Uhr | STRALSUND MUSEUM, Katharinenkloster

Veranstalter: STRALSUND MUSEUM, Singletreff-Kultur

Mit seinem Buch „Braune Schatten überm Sund“ hat der Stralsunder Autor Eberhard Schiel das Thema bereits 1999 zu seiner persönlichen „Herzensangelegenheit“ gemacht. Er erzählt darin über ganz individuelle Schicksale, über die Verfolgung bis hin zur Vertreibung und Vernichtung Stralsunder Juden. Für Schiel waren die Recherchen zu diesem Buch oftmals mit Trauer aber auch mit Wut verbunden.

Vom 6. bis 25. November präsentiert das STRALSUND MUSEUM außerdem eine kleine Ausstellung im Museumsfoyer zum jüdischen Leben in Stralsund.
Geöffnet von Dienstag bis Sonntag, von 10 bis 17 Uhr.

Eintritt: 4 Euro

Film: „Hannas schlafende Hunde“

Donnerstag, 15. November 2018, 20 Uhr | Kulturkirche St. Jakobi, Gustav-Adolf-Saal

Veranstalter: Filmclub BLENDWERK e.V. Stralsund in Kooperation mit dem Förderverein Historische Warenhäuser Wertheim und Tietz in Stralsund e.V.

„Wir können unsere Geschichte gedanklich verdrängen, doch früher oder später werden die ‚schlafenden Hunde’ wach und drängen sich unwillkürlich in unser Leben. Die Angst vor antisemitisch begründeten Repressionen bestimmt noch in den 1960er Jahren das Leben von Frauen aus drei Generationen – Großmutter, Mutter und Tochter – die sich darum bemühen, ihr Dasein in einer Welser Wohnsiedlung recht unauffällig zu meistern. Das bedeutet etwa, die Lebensfreude und Neugierde der neunjährigen Hanna möglichst zu unterbinden, um keine unnötige Aufmerksamkeit zu erregen. Im Gegensatz zu ihrer Umgebung weiß sie nichts von ihrer jüdischen Herkunft und erfährt erst durch diverse Andeutungen ihres Bekanntenkreises davon. Nur ihre Großmutter bestärkt sie darin, ihre jüdische Identität nicht zu verleugnen.“

120 min., FSK: 12

Eintritt: 5 Euro, Mitglieder Blendwerk: 2,50 Euro

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